seelische Problemlagen bei Jugendlichen

Quelle: kobinet 

(…)Fegert: Es sind vor allem Jugendliche, immer jüngere Jugendliche, aber ich würde nicht so sehr von Kindern sprechen, und das ist vor allem eigentlich ein Problem der Emotionsregulation. Ich kann nicht mit irgendeiner Sache, die mich bedrängt, mit widerstreitenden Gefühlen umgehen, und das Schneiden an sich, das Selbstverletzen bringt eine Entspannungsreaktion, und das kann dann quasi wieder erlernt werden und verselbstständigt sich. Gleichzeitig konnten wir in großen Untersuchungen zeigen, dass ein Zusammenhang auch mit Jugendmoden und Trends bestehen, zum Beispiel in der Goth-Subkultur ist selbstverletzendes Verhalten deutlich höher als zum Beispiel bei Jugendlichen, die viel Sport treiben. Also wir haben auch soziale Einflüsse, und da muss man sich sehr, sehr genau mit den Strömungen im Jugendalter auskennen, um genau sortieren zu können, wie pathologisch, wie psychiatrisch auffällig dieses Verhalten ist.
Winkelheide: Sie meinen, es kann auch sein, dass es einfach nur eine vorübergehende Phase ist.
Fegert: Genau, und das ist ja eigentlich auch des Ermutigende: Wir sehen, dass eigentlich drei Viertel dieser Verhaltensweisen wieder verschwinden. Diese Patienten wollen wir auch nicht zu sehr psychiatrisieren, sondern wir wollen diese Entwicklung aus der Fürsorge heraus unterstützen, aber wir müssen auch die erkennen, die besondere Hilfe brauchen, die vielleicht auch erhöht selbstmordgefährdet sind.
Winkelheide: Wann würden Sie da sozusagen hellhörig werden? Ist das dann eine Frage des Alters, ist das eine Frage, wie ausgeprägt die selbstverletzenden Tendenzen sind?
Fegert: Nein, es ist vor allem eine Frage, ob Suizidgedanken dabei sind, weil wir sprechen ganz klar auch in den Leitlinien von sogenannten nichtsuizidalen selbstverletzenden Verhalten, also ein Verhalten, was eingesetzt wird, um Spannungen zu reduzieren, aber wo keine Absicht da ist, sich umzubringen. Es ist wirklich ganz, ganz wichtig, danach zu fragen, besteht eine Absicht, sich zu töten, gibt es schon Pläne. Und hier, das muss man sehr, sehr ernst nehmen.
Winkelheide: Soweit Professor Jörg Fegert, ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum in Ulm. Ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch!
Fegert: Ich danke Ihnen!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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